Lese-Lust: Von One-Night-Stands und Schlumpfeis im Hunsrück

Posted By on April 17, 2014

Kabarettist Matthias Jung hat mit “Meine erste Ampel” den “einzigen Stadtführer für Landeier” geschrieben: Beobachtungen aus Elternhaus, Dorfleben und Fahrschule. Das Gagfeuerwerk eines Komikers.

Kabarettist Matthias Jung hat mit “Meine erste Ampel” den “einzigen Stadtführer für Landeier” geschrieben: Beobachtungen aus Elternhaus, Dorfleben und Fahrschule. Das Gagfeuerwerk eines Komikers. Von Eberhard von Elterlein

Kennen Sie den? Frage: Was sind die beliebtesten Wohnungen in der Stadt? Antwort: 1. Maisonette, 2. Penthouse, 3. Apartment. Und die beliebtesten Wohnungen auf dem Land? 1. Scheune, 2. Mutti, 3. Scheune bei Mutti. Oder den? Was sagt ein Navigationsgerät, wenn es in Hüffelsheim ankommt? “Bitte, bitte, bitte wenden!”

Landlust? I wo! Der Kabarettist Matthias Jung beschäftigt sich vielmehr mit der Landflucht. Sein Buch “Meine erste Ampel” nennt sich “Der einzige Stadtführer für Landeier” und führt aus seiner Heimat Hüffelsheim, einem 1200-Seelen-Nest im Hunsrück (“Wenn man bei uns den Haustürschlüssel verliert, ist es billiger, das Dorf nachmachen zu lassen”), hinaus in die weite Welt der Stadt.

Hier haben Briefkästen Nachtleerung, die Restaurants heißen “Kebap House” und “Food-Lounge” und die heiße Blondine in der nächtlichen Bar muss nicht unbedingt eine Frau sein.

In elf Kapiteln führt dabei der 34-jährige Pfälzer vom “Verkehr” über “Essen und Trinken”, “Stadt und Leute”, “Feiern und Ausgehen” bis – natürlich – zu “Männer und Frauen” auf sehr amüsante Weise über die tiefen Gräben zwischen naivem Landei und urbanem Kosmopoliten hinweg.

Gagfeuerwerk eines Komikers

Dabei handelt es sich weniger um einen klassischen Reiseführer mit beachtlichem Witzanteil, sondern um das geschriebene Gagfeuerwerk eines gewieften Komikers.

Matthias Jung, einst Autor für die RTL-Comedy-Show “7 Tage 7 Köpfe” und heute als Alleinunterhalter mit 150 Vorstellungen jährlich in Deutschland unterwegs, hat hier sein zweites Bühnenprogramm “Meine erste Ampel” aus dem Jahre 2009 zu Papier und dabei die hohe Kunst fertiggebracht, das kurzweilige Amüsement, das beim Stand-Up-Comedian aus dem spontanen mündlichen Vortrag besteht, in die vergleichsweise gemächlichere Buchform hinüberzuretten.

Das macht Jung nicht nur, indem er seine spitzzüngigen Beobachtungen aus Elternhaus (“Wenn die Familie Jung ein Maskottchen hätte, wäre es ein Schnitzel”), Heimatort (“Wenn mein Fahrlehrer zu mir sagte: ,Achte auf den toten Winkel, war das in Hüffelsheim Stress pur – es gab einfach zu viele davon”) und Dorfleben (“Die Fans von DJ Marco schreien statt “Ich will ein Kind von Dir” immer “Ich bin ein Kind von Dir”) zügig auf die jeweilige Pointe hinschreibt.

Dazu reichert er sein Buch mit zusätzlichen Witzen an, die so nur in schriftlicher Form funktionieren. So werden in diversen mehr oder weniger originellen TOP 3-Listen, die den Fließtext an passender Stelle unterbrechen, Stadt- und Landleben konterkariert (Die besten Eissorten in der Stadt: 1. Litschi, 2. Kaktusfeige. 3. Schlumpf. Die besten Eissorten auf dem Land: 1. Aufgetaut 2. Stiel ohne Eis 3. Schnee).

Müllcontainer als Gewerbegebiet

Dazu sorgen bewusst amateurhafte Schwarzweißaufnahmen von einer verwaisten Touristeninformation oder von Müllcontainern (dem “Gewerbegebiet” Hüffelheims) für zusätzliches Amüsement. Eingeschobene Erklärkästen zu dörflichen “Fremdwörtern” wie “Lounge”, “Spam”, oder “DJ” sorgen darüber hinaus auch bei manchem Städter für Erkenntnisgewinn: Oder wussten Sie, dass der Begriff “One-Night-Stand” ursprünglich aus der Theaterwelt kommt?

Wirkliche Erleuchtung bringt “Meine erste Ampel” dem urbanen Neuling natürlich nicht. Dafür bietet die Provinz einfach zu viel Humorpotential, das der angesprochene Leser sowieso schon kennt (“Bei uns heißt Cocktail Mezzo-Mix”).

Und kein Landei würde je in der Stadt mit seiner Mutti zum Speed-Dating gehen. Ist aber gut für einen guten Gag (“Von den sieben Minuten habe ich etwa anderthalb geredet, das jeweilige Mädel eine und meine Mutter die restlichen viereinhalb. Und es hat sich gelohnt: Sie steht immer noch mit zwei der Mädels in Kontakt.”).

Kultur nur im Beutel

Es ist vielmehr ein Buch, das den Stadt-Land-Kontrast treffgenau auf den Punkt bringt, und jedem Landei die Beruhigung gibt, dass dieses Hüffelsheim tatsächlich überall liegen kann. Und es überall Väter gibt, die dann zu ihrem Besuch sagen: “Ich hoffe, Ihr habt Euren Kulturbeutel dabei, schaut ihn Euch gut an, denn mehr Kultur werdet Ihr hier nicht erleben.”

Matthias Jung: Meine erste Ampel, rororo Taschenbuch 2012, 192 Seiten, 8,99 Euro

© Rowohlt Verlag Diese Bilder stammen aus Matthias Jungs “Meine erste Ampel – Der einzige Stadtführer für Landeier”. Er ist als rororo Taschenbuch erschienen. 192 Seiten, 8,99 Euro.

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